Kazan' – die Stadt

Tukaj-Museum
Kazan' ist, wie gesagt, die Hauptstadt der autonomen Republik Tatarstan, also ein Gebiet innerhalb der russischen Föderation, das in weiten Bereichen selbständig Politik betreiben kann. Kazan' liegt etwa 800 km östlich und auf demselben Breitengrad wie Moskau und hat etwas über eine Million Einwohner. Dreiviertel der Einwohner Tatarstans wohnen in Kazan'. Die Kazaner weisen zwar gerne darauf hin, daß ihre Stadt wie Rom auf sieben Hügeln erbaut wurde, aber was an dieser Stadt wirklich auffällt, sind nicht die Hügel, sondern die vielen Gewässer. Sie liegt am Zusammenfluß von Wolga (dem größten Fluß Europas) und Kazan'ka, die beide durch mehrere große Stauwerke noch an Breite gewonnen haben, und selbst nachdem im 20. Jahrhundert einige Seen in der Stadt trockengelegt wurden, sind doch noch mehrere vorhanden.

Außerdem ist Kazan' noch immer eine sehr grüne Stadt, was ja nun nicht nur bei russischen Großstädten eher selten vorkommt. Das Grün geht auch nicht in endlosen dunklen Häuserschluchten verloren, da der sumpfige Boden nicht nur den Bau einer U-Bahn verhindert, sondern auch den von Häusern mit mehr als sieben Stockwerken.

Kazan' ist das tatarische Wort für Kessel, und der Name paßt. Es ist eine der faszinierendsten Städte, die ich kenne, da sich in ihr Alt und Neu ebenso verbinden wie Ost und West. Nationalbibliothek Nach der Eroberung Kazan's war es zunächst nur noch Russen erlaubt, im befestigten Bereich der Stadt zu leben. Bald aber durften sich dann auch „vertrauenswürdige“ Tataren in der Nähe der Festung (des Kreml' also) niederlassen. Auf diese Weise hat sich die Stadt von Anfang an in zwei Teilen entwickelt: Vom Kreml' aus breitete sich die russische Oberstadt aus und an den Kabanseen die tatarische Unterstadt. Diese Begriffe stellen hier übrigens keine Wertung dar, sondern sind tatsächlich eine Höhenangabe.

Peter-Pauls-Kirche (Petropavlovskij Sobor) ...

Dem russischen Stadtteil sieht man noch heute - trotz der Vernachlässigung und des gedankenlosen Bauwesens der Sowjetära - an, daß Kazan' die in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht drittwichtigste Stadt des russischen Kaiserreiches war. Die Universität von Kazan' (1804 gegründet) ist die zweitälteste in Rußland. Viele bedeutende Künstler und Wissenschaftler haben hier gelebt: Hier verbrachte Lev Tolstoj seine Jugend, arbeitete Gorkij als Bäcker und lebte Puškin nach dem Dekabristenaufstand in der Verbannung, um nur einige zu nennen. Wie es in Rußland üblich ist, sind die Wohnungen solch berühmter Personen detailgetreu bewahrt oder nachgebildet, und sie sind allein schon wegen der überaus enthusiastischen Führer sehenswert. Überhaupt sind die russischen Museen und Gedenkstätten die einzigen, die ich kenne, denen es tatsächlich gelingt, das Bewußtsein zu vermitteln, daß Vergangenheit und Gegenwart untrennbar zusammengehören und es die eine nur mit und durch die andere geben kann.

...im Stil des Moskauer Barock (18. Jahrhunderts)

Seit dem 17. Jahrhundert lebten in Kazan' übrigens auch viele deutsche Kaufleute und Wissenschaftler, die zum Teil sehr bedeutende Kunstmäzene waren und auch ihre Spuren in der Stadt hinterlassen haben. Auch ihre Namen haben sie hinterlassen, so etwa in der „Baumann-Straße“ (Ulica Baumana) und dem „Fuchspark“ (Fuksovskij Sad)

Als die tatarische Regierung Anfang der 90er Jahre Häuser an Privatpersonen zu verkaufen begann, wurde eine sehr sinnvolle Regelung getroffen: Wer ein Haus kaufte, mußte es innerhalb weniger Monate renovieren. Und ausnahmsweise wurde die Einhaltung dieser Vorschrift sogar genau kontrolliert. Da Kazan' von Kriegsschäden verschont blieb und die sowjetischen Behörden mehr an der Errichtung neuer als am Niederreißen alter Siedlungen interessiert waren, ist ein Großteil der Adels- und Bürgerhäuser aus dem frühen 19. Jahrhundert erhalten geblieben und bietet heute dank der sorgfältigen Renovierungsarbeiten ein sehr buntes Straßenbild.

Sverdlovsk-Straße

Bunt sind die Häuser auch hinsichtlich der Baustile: farbenfroher Moskauer Barock, verspielte italienische, elegante griechische und gemächliche maurische Formen, getrennt oder vermischt, und immer wieder unerwartet von traditionellen tatarischen Steinmetz- und Schmiedearbeiten unterbrochen.

Dem westlichen Besucher fallen im Straßenbild dieser alten Stadteile wahrscheinlich besonders die Kirchen auf. Prachtvolle Gebäude gibt es schließlich in westlichen Städten genauso, wenn auch der Stil nicht derselbe ist. Aber die orthodoxen Kirchen mit ihren meist fünf Kuppeln sind ungewohnt. Da die Möglichkeit zur freien Religionsausübung eines der sichtbarsten Zeichen des Endes der Sowjetzeit war – und natürlich auch in Rußland die Kirche in erster Linie ein finanzstarker und (nach immer noch mehr Macht hungernder) Machtapparat ist – gab der Staat viele Gebäude bereits zu Beginn der 90er Jahre zurück. Nur wenige wurden in der Sowjetzeit tatsächlich als Kirchen genutzt, viele wurden für andere Zwecke verwendet oder man ließ sie nach der Enteignung einfach verfallen. An der Tür einer als Spannungsstelle verwendeten Kirche hing z. B. das Schild „Hochspannung: Lebensgefahr!“ – die Doppeldeutigkeit schien niemandem aufzufallen.

Und noch eine Kirche

Verfallene Kirchen gibt es inzwischen kaum noch in der Stadt: Sie wurden entweder wieder aufgebaut oder abgerissen. Manche auch verkauft, z. B. an argentinische Mönche, die den zahlreichen Nöten der russischen Menschen durch katholische Missionierung entgegenzuwirken trachten. Auch hier läßt sich der immanente Antisemitismus wieder deutlich ausmachen: Moscheen und Kirchen wurden sehr schnell an die früheren Eigentümer zurückgegeben, bei den wenigen verbliebenen Synagogen dauerte dies wesentlich länger, wenn es überhaupt dazu kam.

Kaufmannshaus

Der Bulak-Kanal, der den Kreml' im Westen begrenzt, war traditionell die Grenze zwischen den russischen und tatarischen Stadtgebieten. Er führt von der Kazan'ka zu den drei Seen Unterer, Mittlerer und Oberer Kaban und ermöglichte somit jahrhundertelang den Transport von Waren direkt von der Wolga in die Handelsviertel der Stadt. An den Seeufern durften sich die Tataren als erstes wieder ansiedeln, und sie sind bis heute das Zentrum des tatarischen Stadtteils.

Leider ist gerade hier sehr viel der Stadterneuerung zum Opfer gefallen, da tatsächlich nur hier Platz für eine sechsspurige Straße war – das muß man ehrlicherweise zugeben, falls man es grundsätzlich für gerechtfertigt hält, diese Welt für künftige Generationen unbewohnbar zu machen, nur um die eigene Luxussucht und Faulheit zu befriedigen.

Holzhaus mit Schnitzerei

Abseits der Hauptstraßen sind allerdings noch einige tatarische Viertel erhalten geblieben. Man biegt in eine Seitenstraße ein .. und fühlt sich in eine andere Welt versetzt: fein geschnitzte Holzhäuser, verfallene alte Lagerhäuser, Moscheen, alte Frauen, die mit dem Trageholz über den Schultern vom Brunnen an der Ecke Wasser holen..

Das ist kein Ammenmärchen und auch keine Touristenattraktion ... sondern Alltag. Und diese Häuser sind alles andere als unbeliebt. Sie haben zwar keine Wasserversorgung, sind aber sehr solide gebaut. Sie sind so alt wie und älter als die Steinhäuser der Oberstadt und meist in sehr gutem Zustand. Wer kann, wohnt entweder in einem Stalinhaus – häßlich, aber solide – oder einem Holzhaus – unkomfortabel, aber solide –, doch nach Möglichkeit nicht in einem Haus aus den letzten Jahrzehnten. Von Wasserversorgung hat man nicht viel, wenn alles, was in den oberen Stockwerken runtergespült wird, in der eigenen Toilette landet. Oder wenn die Decke Löcher hat, durch die die Nachbarskinder durchstopfen, was eben durchgeht. Straße in Holzhausviertel Oder wenn die inadäquaten Heizkörper nicht einmal zusammen mit den im Winter zusätzlich eingesetzten Fenstern die Winterkälte draußenzuhalten vermögen.

Viele der Straßen in den alten Wohnvierteln sind gar nicht oder nur schlecht befestigt und mit dem Auto nicht befahrbar. Im Winter können diese Straßen dann schon einmal wie auf dem Bild rechts aussehen.

Wie gesagt wurden die Moscheen recht schnell zurückgegeben und Kazan' hat in dieser Hinsicht wirklich einiges zu bieten. Die Azimov-Moschee gehört angeblich zu den schönsten Moscheen überhaupt .. das kann ich als Frau natürlich nicht beurteilen, aber von außen ist sie auf jeden Fall schön ;-)

Burnaev-Moschee

Auch an der Bauart der Moscheen ist häufig das für Kazan' typische Zusammentreffen verschiedener Kulturen festzustellen: In die muslimische Architektur (dem in der Hinsicht ungeübten Auge fallen besonders die arabisch-grünen Dächer und Ornamente auf) mischen sich Elemente der europäischen Baustile des 19. Jahrhunderts und tatarische Formen und Farben. Die Tataren sind von jeher ein sehr gebildetes Volk; früher als bei den anderen europäischen Völkern gab es hier ein dichtes Netz öffentlicher Schulen. Und wer nicht lesen und schreiben konnte, wurde auch nie als Bürger respektiert. Über tatarische Künstler und Wissenschaftler kann ich leider nicht viel mehr sagen, als daß es davon nicht wenige und zum Teil sehr berühmte gegeben hat, weil ich ihre Sprache leider nicht verstehe. Die Muhammadia von Kazan' war z. B. die wichtigste Madrasah, also muslimische höhere Schule, im großrussischen Reich.

Azimov-Moschee

Die Tataren sind zwar meist Moslems, entsprechen aber keineswegs den gängigen Vorurteilen, da sie nichts Fanatisches an sich haben. Sicher hat auch das neben der historischen Entwicklung einiges mit dem hohen Bildungsniveau zu tun. Hier käme z. B. niemand auf die Idee, die Frauen zum Tragen eines Schleiers oder zur Berufslosigkeit zu verurteilen. Von Dingen wie drakonischen physischen Strafen ganz zu schweigen. In Kazan' wurde z. B. schon in den 1870er Jahren eine säkulare tatarische Hochschule eingerichtet, was in den meisten anderen muslimischen Nationen undenkbar gewesen wäre. In letzter Zeit beklagen die islamischen Geistlichen allerdings, daß die jungen Männer, die zur Ausbildung als Vorbeter in arabische Länder geschickt wurden, als Fanatiker zurückkehren. Bisher finden diese Vorbeter jedoch keinen Anklang bei den Kazaner Muslimen. Man kann nur hoffen, daß das so bleibt.

ihr Minarett

Die historischen russischen und tatarischen Stadtviertel sind heute natürlich in sowjetische Viertel eingebettet. Im alten Stadtzentrum sind dies meist Stalinbauten, also Gebäude von der eher wuchtigen Sorte. Außerhalb des Stadtkerns liegen die neueren Plattenbauviertel, die die Russen „Schlafviertel“ (spal'nye kvartaly) nennen, weil man dort wirklich nichts anderes machen kann als schlafen. Sie sind ein wirklicher städtebaulicher Alptraum. Ganz abgesehen davon, daß die Häuser so schlecht gebaut sind, daß sie nach wenigen Jahren eigentlich schon abbruchreif waren, könnte man sich hier auch die Mühe sparen, den Straßen Namen zu geben, da sie ohnehin alle vollkommen identisch sind - für Ortsfremde ein wirklicher Alptraum.

Sedmiozernaja Bogorodizkaja Pustyn' (Siebensee-Gottesmutter-Einsiedelei, ein Männerkloster)

Wer hier mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist und die kleinen Landmarken nicht kennt, an denen die Einwohner ihre Straße erkennen, muß die Stationen abzählen, um die richtige Haltestelle zu finden - Fahrpläne gibt es natürlich weder an der Haltestelle noch im Wagen. Wozu auch? Die Busse fahren ohnehin, wann den Fahrern danach zumute ist. Ein diesbezügliches Erlebnis ist mir unvergessen: Eine kalte Januarnacht, so gegen halb elf, nach einem Theaterbesuch, gut 30 Grad minus. Innerhalb von einer geschlagenen Stunde sammeln sich an der Haltestelle an die 500 Menschen an. Ja, der Bus ist dann doch noch gekommen; vielmehr kamen gleich sechs auf einmal, und da keiner wußte, ob an diesem Abend noch weitere Busse kommen würden, mußten sich alle diese und die an den folgenden Haltestellen angesammelten Menschen in diese sechs Busse quetschen.

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