Die Insel Svijažsk gehört zwar nicht zur Stadt Kazan', sondern liegt etwa 25 km davon entfernt. Doch wer Kazan' besucht, sollte unbedingt einen Abstecher dorthin machen, denn nicht nur Svijažsk selbst ist sehenswert, sondern auch auf der Anfahrt mit dem Schiff gibt es viel zu sehen: die zahlreichen kleinen Inseln in und riesigen Waldgebiete an der Wolga, Datschensiedlungen, Dörfer, die typischen bunten Wolga-Häuser usw.
Was bei der Landung als erstes auffällt ist die Stille, die Einsamkeit dieser Insel. Außer am Landungssteg sieht man nirgends Menschen. Der matschige, teilweise überwachsene Weg führt den Hügel hinauf. Unter dem Gras Reste von Steintreppen. Baufällige Häuser aus altersdunklem Holz, weiße Kirchmauern stehen in Wiesen. Dazwischen Reste von Ziegelmauern, von Gestrüpp überwucherte Ruinen. Auf den verlassenen Wegen grasen Ziegen. Ringsum nichts als Wasser und Wälder. Die Insel hat eine ganz eigene, sehr ruhige und geruhsame Atmosphäre. Aber wie konnte jemals jemand auf die Idee kommen, sie als Stadt zu bezeichnen? Doch vom 16. bis Anfang des 20. Jahrhunderts war Svijažsk tatsächlich eine Stadt, sogar eine sehr wichtige.
Svijažsk ist ein Spiegel der Geschichte Rußlands und der Sowjetunion. Die Siedlung wurde im Mai 1551 von Zar Ivan IV. als mächtige Festung auf einem Hügel (Kruglaja Gora – Runder Berg) an der Mündung der Svijaga in die Wolga gegründet. Erstaunlich ist die Bauzeit: Innerhalb von knapp vier Wochen errichteten 75.000 Menschen eine Festungsstadt von 62 Hektar Größe, die von fünf Meter dicken Mauern mit 18 Türmen umgeben war. Damit seine Pläne nicht vorzeitig bekannt wurden, ließ der Zar die gesamte Stadt einschließlich der Befestigungsanlagen und Kirche bei Uglič aufbauen, in Einzelteile zerlegen und dann auf Booten über 1000 km wolgaabwärts transportieren, wo sie als die Stadt Svijažsk wieder aufgebaut wurde. Man kann sich vorstellen, daß allein schon das Tempo des Festungsbaus einschüchternd wirkte. In Svijažsk versammelte der Zar Truppen, Waffen und Material für den Angriff auf Kazan', der im folgenden Jahr stattfand.
Keine Armee kam damals ohne Geistliche und Kirchen aus, und so wurde schon 1551 die hölzerne Troickaja-Kirche (Dreifaltigkeit) erbaut. Außen wurde die Kirche mehrmals umgebaut – das Spitzdach wurde durch eine Kuppel ersetzt, ein Eingangsraum angebaut, die Galerien sind verschwunden – aber Innenraum und Ikonostas sind erhalten geblieben. Der Ikonostas, also die mit Ikonen geschmückte Wand, die das Allerheiligste vom Kirchenraum trennt, ist einer der wenigen im Wolga-Gebiet erhaltenen Belege für die herausragende russische Holzbaukunst des 16. Jahrhunderts. Die Ikonen sind mittlerweile ins Museum gewandert.
Die Kirche Roždestva Presvjatoj Bogorodicy (Mariä Geburt) wurde ebenfalls bereits 1551 erbaut. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erbauten Steinmetze aus Pskov an der Stelle der ursprünglichen Holzkirche eine viertürmige Steinkirche mit Kuppel, die im Laufe der Zeit um weitere Flügel mit mehrere Seitenaltaren erweitert wurde. Die Kirche ist nicht mehr zu sehen; sie wurde 1928 abgerissen.
Und auch die Sergiev-Kirche wurde 1551 eingeweiht. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde die Holz- durch eine Steinkirche ersetzt und 1604 erneut geweiht – am 25. September 7113, wie es in einer Inschrift heißt. Die aus weißem Stein erbaute Kirche gehört zu einem Typ, den ich außerhalb Rußlands noch nicht gesehen habe: Die eigentliche Kirche befindet sich im zweiten Stockwerk (Wärme steigt nach oben), während das Erdgeschoß von den Mönchen für Wirtschaftsräume genutzt wurde. Sie ist ein Beispiel für die Architektur der turmförmigen russischen Kirchen des 16. und 17. Jahrhunderts. An den Außenwänden sind einige Fresken erhalten. Innen wirkt sie wegen der außergewöhnlich dicken Wände recht beengt.
Ebenfalls 1551 wurden zwei Kloster gegründet, das Männerkloster Uspensko-Bogorodickij (Mariä Geburt – Mariä Himmelfahrt) und das Frauenkloster Ioanno-Predtečenskij (Johannes der Täufer). Die Kloster umfaßten natürlich Wirtschafts-, Wohn- und Schulgebäude und bedingten den Bau weiterer Kirchen in den folgenden Jahrhunderten.
Als 1555 Handwerker aus Pskov nach Kazan' kamen, um dort den Kreml' zu bauen, errichteten sie auch in Svijažsk eine neue Kirche: Die Uspenskij-Kirche (Mariä Himmelfahrt) trägt die typischen Züge der Pskover Schule. Innen wie außen war sie reich bemalt. Die Fresken in der Kirche nahmen insgesamt über 1000 m² ein und waren sowohl hinsichtlich der Maltechnik als auch der Farben und Vielfalt einmalig. Eine dieser Fresken stellte zum Beispiel Ivan IV. dar und war damit eines der wenigen Bilder des Zaren, die zu seinen Lebzeiten entstanden. Im 18. Jahrhundert wurde die Kirche zum Teil im Stil des Barock umgestaltet. Die Fresken an den Außenwänden sind fast vollständig verloren, doch die im Inneren der Kirche wurden in den letzten Jahren wieder freigelegt und restauriert.
Ebenfalls 1555/56 wurde die Nikol'skaja-Kirche erbaut, deren 43 Meter hoher Glockenturm das älteste (und höchste) Steingebäude der Insel ist.
Vom Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts stammt die Kirche Konstantin und Elena, von deren Interieur jedoch praktisch nichts erhalten ist.
Svijažsk war also die erste russische Stadt an der mittleren Wolga, spielte eine wichtige Rolle bei der Bildung des russischen Staates, in Bildung und Kultur. Bis ins späte 19. Jahrhundert war die Stadt das militärische, administrative, geistliche, Schul-, Handels- und Handwerkszentrum zuerst der Region, dann des Gouvernements, und eine wichtige Station auf der Straße nach Sibirien. Zu erkennen ist dies heute noch daran, daß dieses Episkopat (Bistum) „Svijažsk-Kazan'“ heißt, obwohl Svijažsk den Stadtstatus schon lange verloren hat und heute kaum mehr als Dorf zu bezeichnen ist.
Obwohl die Häuser und Ruinen heute zwischen Wiesen und Matschwegen liegen, läßt sich die alte Stadtanlage durchaus noch nachvollziehen. So ist zum Beispiel erkennbar, daß trotz der engen Besiedlung zwischen den dominierenden Gebäuden Sichtkorridore freigelassen wurden, wie es für den mittelalterlichen Städtebau typisch war.
Von den im 18. Jahrhundert erbauten Kirchen sind nur Ruinen übriggeblieben. Nikolaj-,
Sophien-, German-, Mariä-Verkündigungs- und Himmelfahrts-Kirche sowie der
Wohnkomplex der German-Kirche wurden Ende der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts abgerissen.
Da Svijažsk eine für den Wolga-Handel wichige Stadt war, beherbergte sie auch
eine Kaufmannssiedlung, von der jedoch ebenfalls praktisch nur noch Ruinen zu
sehen sind.
Erhalten ist hingegen die 1898-1906 erbaute Gottesmutterkirche (voller Name: Kirche der Gottesmutter, der Freude aller Trauernden – Sobor Bogomateri Vsech Skorbjaščich Radosti). Äußerlich ist die Kirche praktisch unverändert, aber von den Ölgemälden im
Inneren ist so gut wie nichts erhalten, vom fünfreihigen Ikonostas nur eine Reihe.
Haben Sie sich gewundert, warum in Kirchen, die nie umgebaut wurden, der gesamte Innenraum zerstört ist? Sicher, im sowjetischen Rußland hatte man Kirchen nicht gern, vielleicht haben also die Kommunisten die Fresken und Innenausstattung zerstört? Aber wenn sie einige Kirchen abgerissen haben, warum dann nicht alle?
Beim Besichtigen der Kirchen war ich so fasziniert (schockiert trifft es eher), daß ich nicht ans Photographieren dachte. Ich habe alle Websites, die die Geschichte Svijažsks erwähnen oder Bilder davon zeigen, durchsucht, doch nur eine einzige davon, die offizielle Site Tatarstans, erwähnt seit einiger Zeit auch die Geschichte der Insel im 20. Jahrhundert. Alle anderen machen einen großen Sprung vom Bau der Gottesmutterkirche (1906 abgeschlossen) in die 1990er Jahre, als die Restaurierungsarbeiten begannen. Dabei wäre es sehr wichtig, die dazwischenliegende Geschichte zu erzählen – nicht aus Lust an der Sensation, sondern weil dieser Geschichtsabschnitt nicht verschwiegen werden darf. Also, offiziell hört sich diese Geschichte so an:
In den 30er Jahren wurde auf dem Gebiet des Uspenskij-Klosters ein Durchgangsgefängnis angelegt,
das 1956 einer psychiatrischen Klinik wich, die wiederum bis 1993 bestand. Im ehemaligen Schloß
wurde ein Internat für geistig behinderte Kinder eingerichtet. Im Johannes-Kloster wurde in den
20er Jahren ein Sovchos gegründet, der die Gottesmutterkirche in ein Warenlager verwandelte.
1928 bis 1930 wurden einige Kirchen abgerissen, da man Baumaterial benötigte, wovon noch heute
die grasüberwucherten Ruinen zeugen. Als in den 50er Jahren das Kujbyšev-Wasserreservoir
gebaut wurde, wurde ein Großteil der Bevölkerung auf Land umgesiedelt, das nicht
überschwemmt werden sollte. Dennoch hörte das Leben auf der Insel nie auf, und 1995
lebten in Svijažsk noch 290 meist alte Leute.
Ahnen Sie, was sich hinter diesen kargen Fakten verbirgt?
Svijažsk beherbergte die Straf- und Erziehungskolonie Nr. 5. Der ganze von Festungsmauern –
wie praktisch! – umgebene Teil der Insel war ein Lager. Die Kirchen wurden zu Werkstätten,
Wirtschafts- und Wohnräumen umfunktioniert, wofür man Böden herausriß, neue
Böden und Zwischendecken einzog usw. Zu verschiedenen Zeiten waren hier Jugendliche, die auf
diese Art zu ordentlichen Bürgern erzogen werden sollten, politische Häftlinge und
Straftäter beiderlei Geschlechts inhaftiert. Häufig genügte es ja schon, die
falschen Eltern zu haben, damit ein Kind in eine Erziehungsanstalt eingewiesen wurde.
Hunderte junger Menschen, die in riesigen ungeheizten Kirchen an Werksmaschinen stehen,
essen und schlafen.
Stolz weist mich eine alte Frau auf ein Loch in der Kirchenmauer hin,
durch das die Kinder rohe Kartoffeln stahlen, um ihren Hunger zu stillen. Wurden sie
erwischt, folgten harte Strafen. Später wurde auch eine psychiatrische Anstalt
eingerichtet. In einem Straflager? Ja, denn Irrenanstalten waren in der Sowjetunion
ein beliebter Verbringungsort für politisch oder persönlich mißliebige
Personen. 2001 wurden erstmals die Namen von etwa 3000 (!) „Patienten“ veröffentlicht,
die in dieser Anstalt gestorben sind, aber die Archive, die diese Geschichte Svijažsks
erzählen könnten, bleiben nach wie vor verschlossen. Man weiß weder,
wieviele Menschen hier inhaftiert waren, noch wieviele die Haft nicht überlebt
haben. Schätzungen gehen von einigen Zehntausend aus.
Und während man sich auf offizieller Seite nicht zur Offenlegung der Vergangenheit durchringen kann, werden die Kirchen restauriert, die Fresken wiederhergestellt, die Spuren der Lagerzeit beseitigt. 1994 war in den Kirchen nicht zu übersehen, wofür sie Jahrzehntelang verwendet worden waren. Zur 450-Jahr-Feier 2001 war ein Großteil dieser Spuren bereits beseitigt und die restaurierten Kirchen an die Kirche zurückgegeben worden.
Bevor ich die Insel verlasse, blicke ich noch einmal den Hügel hinauf. Nun erscheint mir die Stille der Insel nicht mehr friedlich und geruhsam. Es ist die Stille des Schweigens, des Verschwiegenwerdens. Eine Insel, die ein Stein gewordenes Bild der gesamten russischen Geschichte ist, versinkt im Vergessen, weil das heutige Rußland einen wesentlichen Teil seiner Geschichte am liebsten unbeachtet in den Archiven zu Staub zerfallen lassen möchte.
Mittlerweile ist in Svijažsk ein Geschichts- und Architektur-Museum eingerichtet. Ich habe es selbst nicht besucht. Vielleicht wird ja dort nicht nur auf die über 70 Baudenkmäler des 16. bis 19. Jahrhunderts hingewiesen, sondern auch auf die Zehntausende Opfer des 20. Jahrhunderts. Man kann nur hoffen, daß bald jemand diese Geschichte in Wort und Bild dokumentiert, bevor alle Spuren verschwunden sind und sich niemand mehr daran erinnert.
