Sprachliches

Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. (Ludwig Joseph Johann Wittgenstein, 1859–1951)
Jeder Mensch hat seine eigene Sprache. Sprache ist Ausdruck des Geistes. (Novalis, 1772–1801)

Literaturseiten – und dann eine Rubrik „Sprachliches“. Wie paßt das zusammen? Was ist Ihrer Meinung nach Literatur?

Meiner Meinung nach beschreibt jeder literarische Text, sei er fünfbändiger Roman oder fünfzeiliges Gedicht, Glosse, Epigramm, Ballade, Drama oder Kurzgeschichte, eine Welt, einen Ausschnitt der Gedanken-, Gefühls- und Erlebenswelt eines Autors, den er für sich und andere zu einer in sich geschlossenen Einheit zusammenfügt – eben zu einem literarischen Werk.

Worauf beruht nun aber diese Gedankenwelt? Wie bildet sie sich heraus?
Nicht umsonst heißt es „Im Anfang war das Wort“. Dingen, Gefühlen, Erscheinungen einen Namen zu geben, das ist ein schöpferischer Akt, dadurch ruft man sie für sich selbst ins Leben. Denn Dinge, die ich nicht benennen kann, kann ich auch nicht denken. Eine Welt, die ich nicht ausdrücken kann, kann ich auch nicht analysieren, nicht deuten und nicht verstehen. Gerade im Bereich des Abstrakten hat somit jeder denkende Mensch letztlich seine eigene Sprache, die sich aus seiner ganz persönlichen Weltsicht entwickelt. Aber auch die einzelnen Völker haben durch ihre individuelle Geschichte, Erfahrung und Weltsicht ein ganz eigenes Sprachsystem mit eigenen Regeln entwickelt. Jeder kennt zum Beispiel das Cliché vom „britischen Understatement“. Aber ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie sehr dieser „Nationalcharakter“ auch durch die englische (nicht die amerikanische) Sprache ausgedrückt wird, die auf den ersten Blick so einfach erscheint, tatsächlich aber höchst komplex und kompliziert ist? Oder haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, warum außereuropäische, oder vielmehr außer-westeuropäische Sprachen für uns so schwer zu erlernen sind? Doch nicht wegen der anderen Schrift oder des Paukens von Vokabeln, deren Wurzeln uns nicht vertraut sind. Sondern weil diese Sprachen eine gänzlich andere Logik, eine andere Weltsicht, um es modern auszudrücken: eine andere Mentalität zum Ausdruck bringen.

Sehen wir uns die Sache von der anderen Seite an: Fatal wird es dann, wenn jemand nicht seine eigene Sprache entwickelt. Keine individuelle Sprache zu haben bedeutet letztlich, kein eigenes Denken zu haben.

Ich kann mich noch gut an die frühe Kindheit erinnern, als die Eltern uns Kindern Bücher vorlasen und mit uns darüber sprachen. Später, als wir selbst lesen konnten, lasen sie dieselben Bücher wie wir und besprachen sie mit uns. Und auch über die wenigen Fernsehsendungen, die wir sahen, unterhielten sie sich mit uns. Was ich damit meine ist, daß uns die Eltern durch diese Gespräche halfen, für das, was wir jeden Tag erlebten, lasen, sahen, Worte zu finden und diese Worte für selbständiges Denken zu nutzen. Heute werden vielfach die Interesselosigkeit, der Materialismus, die Phantasielosigkeit von Jugendlichen beklagt. Kinder und Jugendliche verbringen einen Großteil ihrer Freizeit vor dem Fernseher. Sie werden fortwährend mit fremden Bildern berieselt und können keine eigenen mehr entwickeln, was ihre Phantasie und ihre Wahrnehmung natürlich abstumpft. Zum Beispiel: Meine eigene Vorstellung von der Schrecklichkeit der Gewalt hat durchaus nichts mit den in den Nachrichten gezeigten Bildern zu tun; hätte ich keine eigenen Bilder davon entwickelt und würde nur die Fernsehbilder kennen, also anderer Menschen Vorstellung von Gewalt, dann könnte ich Gewalt auch nicht als schrecklich empfinden. Außerdem werden die Kinder fortwährend mit fremden Wörtern berieselt, noch dazu mit Wörtern, die nicht darauf angelegt sind, das Denken, Hinterfragen und Infragestellen zu fördern, sondern die ganz im Gegenteil eigenständiges und kritisches Denken verhindern sollen oder es jedenfalls de facto verhindern. Wie sollen Kinder und Jugendliche also eine eigene Sprache entwickeln? Die Sprache, ohne die ihnen Ideen, Werte, Perspektiven, Individualität verschlossen bleiben?

Fatal wird es auch dann, wenn jemand keine eigene Sprache verwendet. Möglicherweise hat er keine und plappert nur Wörter nach, die ihm interessant und wichtig erscheinen und durch deren Verwendung er sich selbst für interessant und wichtig halten kann. Dieses Verhalten ist heute weit verbreitet und durch seine Dominowirkung lästig, aber nicht wirklich schädlich – außer natürlich für den Sprechenden selbst, der dies naturgemäß aber nicht bemerkt. Es kann sogar zur Unterhaltung beitragen, wenn man einen Sinn für's Lächerliche hat. Möglicherweise verwendet der Sprecher aber auch bewußt keine individuelle Sprache, die sein Denken offenlegen würde, sondern benutzt entpersönlichte Worthülsen wie der Rattenfänger die Flöte. Und wenn seine Zuhörer dann nicht über eine eigene Sprache verfügen, die diese Worthülsen als das entlarvt, was sie sind, hören sie nur, was sie der Absicht des Sprechers nach hören sollen. Dann zeigt sich die Macht des Wortes im übelsten Sinne. Nur dann kann das Wort „Freiheit“ die Unfreiheit bezeichnen, kann „Recht“ für Unrecht stehen, „Demokratie“ für die Willkürherrschaft weniger und „Terrorbekämpfung“ für Völkermord.

Die Sprache ist der Schlüssel zur Welt.
Die Sprache ist das Baumaterial für die persönliche Gedankenwelt von Autor und Leser. Sie ist das Medium, in dem der Autor seine Weltsicht weiterzugeben versucht. Sie ist das Medium, über das der Leser neue Gedanken empfängt und in seine Gedankenwelt einbaut.