Tacheles

Selbstbetrug

Kürzlich sagte jemand zu mir: „Wenn die Sozialhilfeempfänger nicht alle Alkoholiker wären, würden sie auch Arbeit finden und nicht dem Staat auf der Tasche liegen.“ Die schiere Dummheit dieser Aussage hat mich wirklich sprachlos gemacht, was in diesem Fall natürlich nicht weiter schlimm war, da angesichts derart tumber Vorurteile ohnehin jedes Argument verschwendet wäre. Doch nicht die Aussage selbst hat mir die Sprache verschlagen: Die Einseitigkeit, Uninformiertheit und Pauschalisierung zeugen zwar nicht gerade von Intelligenz, doch jeder hat grundsätzlich erst einmal das Recht auf eine eigene Meinung, und sicher gibt es bei jedem Menschen Themen, die ihn derart begeistern oder verärgern, daß er sie nur noch pauschal beurteilt. Schlimmer war schon, daß ein solches Gefühl bei der Sprecherin nicht vorhanden war und sie nicht aus Wut oder Frustration ein undifferenziertes Stammtischvorurteil absonderte, sondern ihre Aussage tatsächlich für eine objektive Tatsache hielt. Was mich letztlich von ihrer Dummheit überzeugte, war ihr Selbstbetrug, die Weigerung oder Unfähigkeit, sich so zu sehen, wie sie wirklich ist. Denn diese Aussage stammt von einer Frau, die sich selbst als links, als sozial, als weltoffen und tolerant bezeichnet und auf ihr Einfühlungsvermögen stolz ist. Und diese Linke mit dem enormen sozialen Einfühlungsvermögen (ehemalige grüne Landtagsabgeordnete noch dazu) nennt im Brustton der Überzeugung alle Sozialhilfempfänger arbeitsscheue Alkoholiker.
Welchen denkenden Menschen hätte diese Dummheit nicht sprachlos gemacht?