Tacheles

Der Sinn von Websites

Sicher kann man über den Sinn und die Berechtigung jeder Website diskutieren, unabhängig davon, welchen Inhalt sie den Besuchern anbietet. Zweifellos gibt es auch genug Internetnutzer, die den Sinn meiner Websites anzweifeln, und das ist ihr gutes Recht. Die Geschmäcker und Interessen sind nun einmal verschieden. Was ich so irritierend finde, ist die Ansicht, mit einer Website könne man die eigenen Chancen bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz verbessern. Eine eigene Website sei der Beleg, der potentielle Arbeitgeber unbedingt davon überzeugen müsse, daß es sich bei diesem Bewerber um einen Menschen handelt, der wirklich auf der vordersten Welle des Zeitgeistes segelt.

Na schön, angenommen, das stimme im Prinzip – obwohl ich eigentlich nicht glaube, daß sich irgendein Personalchef die Zeit nimmt, alle diese Websites anzusehen. Aber sollte die Website dann nicht echten Inhalt bieten? Irgendwelche herausragenden Leistungen des Inhabers belegen, von der Kreativität seiner Ideen zeugen, seine gestalterischen Fähigkeiten oder sein hohes sprachliches Niveau beweisen? Eben auf irgendeine Art die Persönlichkeit des Bewerbers zum Ausdruck bringen? Aber die meisten Seiten von Verfechtern dieser Theorie, die ich mir angesehen habe, waren erschreckend unindividuell. Technisch wirkten sie, als seien sie mit einem Fünf-Minuten-Editor erstellt worden. Der Inhalt bestand aus einer einfallslosen Beschreibung von Familie, Wohnort und Hobbies, ergänzt durch Links zu ähnlich öden Sites aller Freunde und Bekannten. Und die Sprache legte die Vermutung nahe, daß der Inhaber sein Deutsch durch den Konsum unzähliger Vorabendserien und Talkshows gelernt, ein Buch hingegen höchstens einmal von außen gesehen hat: Banale Worthülsen ohne Individualität, ohne Ausdruckskraft, ohne erkennbare Grammatik oder Rechtschreibung. Wenn diese Websites tatsächlich beweisen, daß ihre Autoren „auf der Höhe des Zeitgeistes“ sind, dann macht mir die einzig mögliche Schlußfolgerung angst: Den Zeitgeist erfaßt und umgesetzt zu haben bedeutet dann offenbar, keine Persönlichkeit, keine Ideen und keine Kultur zu haben.