Tacheles

gelesen: Aljas Rachmanowas Biographie

Gerade habe ich Alja Rachmanovas Biographie gelesen. Eine russische Frau, ihr österreichischer Mann und der kleine Sohn müssen nach der russischen Revolution zuerst nach Sibirien fliehen, werden dann als Feinde des Volkes ausgebürgert und kommen 1926 mit ein paar hundert Schilling nach Wien. Da die in Rußland abgelegten Examina des Mannes in Österreich nicht anerkannt werden, muß dieser noch einmal studieren, während die Frau den Lebensunterhalt der Familie durch einen Milchladen in einem Armeleuteviertel verdient.

In ihrem Tagebuch zeichnet Rachmanova ein Bild der bettelarmen Arbeiter dieser Zeit, vielmehr viele kleine Vignetten von den vielen Gesichtern des Elends ... die Mutter, die ihre Kinder nur vor dem Verhungern bewahren kann, indem sie sich von einer Maschine den Arm abschneiden läßt, um ein paar Schilling Versicherungssumme zu bekommen ... das junge Mädchen, das ohne Geld auch keine Chance auf einen Ehemann hat und nur Geliebte oder alte Jungfer werden kann ... die Tochter, die von ihrem alkoholsüchtigen Vater zur Prostitution gezwungen wird... ein Brötchen auf Kredit ... Hunger, Schmutz, Krankheiten, Enge, Wahnsinn. Rachmanowa beschreibt dies alles ohne Pathos, als ganz normalen Alltag.

Zunehmend drängt sich jedoch das unangenehme Gefühl auf, daß die nüchterne Darstellung auch darauf beruht, daß Rachmanowa ihre Umwelt nicht wirklich begreift. Sie erkennt den Unterschied zwischen sich und den anderen nicht. Sie kommt aus einer wohlhabenden bürgerlichen Familie, kann auf ihren kulturellen Hintergrund und ihre Bildung zurückgreifen. Und ihre Familie hat Gönner, die ihr den Milchladen kaufen und dem Mann nach seinem Studium eine Stelle verschaffen. Sie weiß von Anfang an, daß sie nicht dauerhaft in diesem Elend leben wird. Wie soll das vergleichbar sein damit, vom ersten bis zum letzten Tag ohne jegliche Hoffnung, ohne Abwechslung, ohne Fluchtmöglichkeit zu leben? Vom ersten bis zum letzten Tag nur um das nackte Überleben zu kämpfen? Als Mensch ein Leben zu führen, das kein Mensch einem Tier zumuten würde?

Alja Rachmanowa, Milchfrau in Ottakring.