Tacheles

Leistung

„Leistung muß sich wieder lohnen!“
Herr Schröder hat die Parole ausgegeben, die seine Genossen, die Bosse, nun unablässig auf Sitzungen, Konferenzen und in den Medien wiederkäuen. Wiederkäuen ist bekanntlich eine Tätigkeit, an der der Verstand keinen Anteil hat. Doch wenn viele Wiederkäuer zusammenkommen und die Lautstärke der von ihnen hervorgebrachten Geräusche zudem durch das Echo der Medien vervielfacht wird, dann erzeugen sie gemeinsam eine Wand aus Lärm, die die Stimme der Vernunft erfolgreich abblockt.
Einer bestimmten Personengruppe kommen derlei Parolen gerade recht, finden sie darin doch eine Rechtfertigung für ihr Credo „Ich verdiene viel, ergo ist meine Leistung mehr wert als die derjenigen, die weniger verdienen, ergo habe ich ein Recht auf bevorzugte Behandlung.“

Der Vernunft sind derartig tumbe Parolen ebenso wesensfremd wie die gleichermaßen engstirnigen Schlußfolgerungen. Der vernunftbegabte, also denkende, Mensch kann nicht anders, als derlei Äußerungen zu hinterfragen: Was ist Leistung? Welchen Wert hat eine Leistung? Was bedeutet „sich lohnen“?

Vergleichen wir einmal: Ein mittlerer Manager in der Automobilindustrie arbeitet vielleicht 12 Stunden am Tag, zum Teil auch am Wochenende. In der Arbeitszeit sind Arbeitsessen ebenso enthalten wie Dienstreisen. Die Aufgabe des Managers besteht darin, möglichst viele Geräte zur Zerstörung der Umwelt und der Gesundheit der jetzigen und zukünftigen Menschen herzustellen, möglichst vielen Menschen durch Entlassung die Existenzgrundlage zu entziehen, die übrigen Mitarbeiter für möglichst lange Arbeitszeiten möglichst schlecht zu bezahlen, die hergestellten Umweltzerstörungsmaschinen möglichst zahlreich und teuer zu verkaufen. Seine Sekretärinnen organisieren seinen Arbeitsalltag und erledigen seinen Papierkram; seine Ehe- oder Putzfrau wäscht, putzt und kocht für ihn, sie kauft ein, erledigt Behördengänge, kümmert sich um die Kinder, so daß er mit dem normalen Leben nicht in Berührung zu kommen braucht. Er bekommt 15.000 Euro im Monat plus Weihnachts- und Urlaubsgeld, 13. Monatsgehalt, Spesen, Dienstwagen usw.

Eine Verkäuferin, alleinerziehend mit zwei Kindern, kann nur fünf Stunden am Tag arbeiten, zum Teil auch am Wochenende, da die Ganztagsbetreuung für Kinder völlig unerschwinglich ist. In ihrer Arbeitszeit ist nichts als Arbeit enthalten. Sie organisiert alles selbst, kocht, putzt, wäscht, bügelt, kauft ein, erledigt Papierkram und Behördengänge, kümmert sich um die Kinder. Ihre Arbeitszeit als Hausfrau und Mutter beträgt weitere 15 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Sie bekommt 1500 Euro im Monat ohne Sonderleistungen, der Kindserzeuger verweigert erfolgreich die Alimentenzahlung, mit Hilfe der Sozialhilfe erreichen sie und ihre Kinder knapp das Existenzminimum.

Der heute üblichen Definition nach gilt der Manager als Leistungsträger, die Verkäuferin und alleinerziehende Mutter nicht, da sie als Sozialhilfeempfängerin dem Staat auf der Tasche liegt. Das bedeutet, daß das und nur das als Leistung angesehen wird, was unmittelbaren Profit bringt. Eine solche Definition kann nur eine Gesellschaft aufstellen, die erstens ausschließlich am Profit orientiert und zweitens extrem kurzsichtig ist. Denn wenn man den Blick einmal vom kurzfristigen Profit abwendet, kann man die Augen nicht mehr davor verschließen, daß die sogenannten Leistungsträger einen enormen Schaden anrichten, den nicht nur wir alle, sondern vor allem die künftigen Generationen ausbaden müssen. Vom Manager in der Ölindustrie über den Erbauer riesiger Freizeitanlagen bis hin zum Anbieter von Mountainbike-Touren haben sie sich die Zerstörung der Umwelt im Namen des Profits zum Ziel gesetzt. Vom Wirtschaftsanwalt bis hin zum Aktieninhaber haben sie sich die Ausbeutung der Menschen als Arbeitssklaven im Namen des Profits zum Ziel gesetzt. Sie sind das Übel, das diese Welt physisch und psychisch zugrunde richtet.

Nicht als Leistungsträger anerkannt werden hingegen die Müllmänner und Kanalarbeiter, die hart dafür arbeiten, daß die zwangsläufigen Folgen der unermeßliche Müllberge produzierenden Konsumgesellschaft ausbleiben: Krankheiten und Seuchen. Nicht als Leistungsträger anerkannt werden diejenigen Menschen, die sich um die zahllosen Opfer der Leistungsträger kümmern, um Alte, Kranke, Behinderte, Arbeitslose, Obdachlose, Menschen mit psychosozialen Störungen, Kriegsopfer, Flüchtlinge, Frauen, Kinder usw. usw. usw.

Eine solche Definition von Leistung ist nicht nur absurd, sie ist menschenverachtend. Die Gleichung Leistung = Profit kann nur in einer Gesellschaft gelten, in der Geld alles, der Mensch nichts gilt, in einer pervertierten und unmenschlichen Gesellschaft. Eigentlich in einer Nicht-Gesellschaft, da eine Gesellschaft an sich eine Gemeinschaft gleichwertiger und gleichberechtigter Menschen ist. Entsprechend kann Leistung nur das sein, was dem Wohlergehen und Wohlstand aller dient, was verhindert, daß irgendein Mensch ausgegrenzt wird. Wer Menschen entläßt, wer die Umwelt zerstört, wer im Überfluß schwelgt, während Menschen unterhalb des Existenzminimums leben, wer dafür sorgt oder es billigt, daß Menschen hungern, keine Wohnung haben, sich medizinische Behandlungen und Hilfsmittel nicht leisten können, sich keine Kleidung leisten können, erbringt keine Leistung, sondern ist, um es klar zu sagen, ein Schädling, ein Parasit, der nicht belohnt werden darf, sondern zur Rechenschaft gezogen werden muß.

Herr Schröder, im Designeranzug paradierend, hat bei der Vorstellung seines Regierungsprogrammes nicht nur gesagt, Leistung müsse sich wieder lohnen, sondern auch „Und schließlich geht es um eine Gesellschaft, die sich nicht abfindet mit schreienden Gegensätzen bei den Einkommen oder bei der sozialen Versorgung der Menschen ... Wir wollen eine starke Zivilgesellschaft als Partner eines starken Staates, und nicht einen Staat, der seine soziale Verantwortung auf die Schwächsten der Gesellschaft abschiebt.“ Genau. Leistung heißt für Gerechtigkeit sorgen. Leistung heißt Verantwortung für die Gemeinschaft tragen.

Allerdings hat der Genosse der Bosse dies alles wohl anders gemeint. Seine neuen Pläne zur Förderung von Unrecht und Ungerechtigkeit, zur Zementierung der Zweiklassengesellschaft zeigen nur zu deutlich, wes Ungeistes Kind er ist – und mit ihm alle, die das Zusammenraffen von Geld mit Leistung verwechseln.