Tacheles

Dankbarkeit

Kürzlich wurde in einer Radioumfrage die Frage gestellt, ob Kinder ihren Eltern grundsätzlich zu Dankbarkeit verpflichtet seien. Das heißt, dankbar nicht für Fürsorglichkeit oder Leistungen der Eltern, sondern einfach deshalb, weil sie die Eltern sind und den Kindern das Leben gegeben haben.

Logisch betrachtet gibt es auf Seiten der Kinder keinerlei Ursache für Dankbarkeit. Dankbarkeit ist das Gefühl, mit dem wir darauf antworten, daß uns jemand gibt, was wir uns wünschen oder brauchen. Sie ist also der eine Teil einer Wechselbeziehung. Doch die Geburt eines Kindes ist kein derartiger „Vertrag auf Gegenseitigkeit“. Kinder werden geboren, weil die Eltern dies einseitig, aus rein egoistischen Motiven beschließen. Schon allein Aussagen wie „Ich will ein Kind“ oder „Wir wollen uns ein Kind zulegen“ belegen ohne jeden Zweifel, daß es den Eltern ausschließlich um sich selbst geht. Mit der Geburt eines Kindes erfüllen sich die Eltern einen eigenen Wunsch, nicht aber einen Wunsch des Kindes. Das Kind wird nicht gefragt, ob es in diese Familie, diese sozialen Verhältnisse, dieses Land, diese Welt, diese Zeit hineingeboren werden möchte. Da die Geburt eines Kindes also keine Antwort auf einen Wunsch des Kindes ist und das Kind nicht einmal nach seiner Meinung oder seinen Wünschen gefragt wird, gibt es nichts, wofür es dankbar sein muß.
Zudem ist das Leben an sich wertneutral. Es ist nicht gut oder schlecht, nicht dankens- oder verurteilenswert. Das Leben ist. Punkt. Alles andere ist reine Mythologie, um dem eigenen Verhalten vermeintlich Sinn zu verleihen oder es zu rechtfertigen. Auch hier ist demnach keine Ursache für Dankbarkeit auszumachen.

Angesichts der Tatsache, daß es den meisten Menschen an der Fähigkeit zu logischem Denken gebricht und sie offenbar die Notwendigkeit verspüren, ihr eigenes Handeln ohne Rücksicht auf die Wahrheit für unbedingt richtig und gerechtfertigt zu halten, ist es nicht verwunderlich, daß von den anrufenden Eltern nur ein einziger Vater dieser Wahrheit ins Gesicht blicken konnte. Alle anderen nahmen für sich das Recht auf Dankbarkeit der Kinder in Anspruch. Sie fühlten sich von jedem Hauch eines Zweifels an diesem Recht, von jedem Ansatz eines anderen Denkens sofort persönlich in Frage gestellt und reagierten mit der entsprechenden Aggressivität, mit Beleidigungen und Angriffen gegen die Andersdenkenden. Und wie das bei Menschen, die zu logischem Denken ebenso unfähig sind wie zu Distanz sich selbst gegenüber, nun einmal so üblich ist, war ihnen nicht im mindesten bewußt, daß sie gerade durch ihre Reaktion auf Kritik bewiesen, daß diese Kritik berechtigt und ihre eigene Behauptung nichts als Wunschdenken und Selbstbetrug ist.