Hängt heutzutage eine Frau nicht an jedes Substantiv, mit dem sie sich selbst oder andere Frauen bezeichnet, ein „-in“ an, so wird sie unverzüglich eines unverzeihlichen Mangels an politischem Bewußtsein und weiblichem Selbstwußtsein beschuldigt.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber meine Wahrnehmung meiner selbst als Frau ist keineswegs an dieses Suffix gebunden. Dieses zwanghafte „-in“ ist für mich durchaus kein Beleg dafür, daß ein männlicher Sprecher Frauen als den Männern gleichwertige Menschen ansieht und ihnen dieselbe Achtung wie Männern entgegenbringt. Ganz im Gegenteil. Wie jede Überbetonung legt auch diese den Verdacht nahe, daß tatsächlich das Gegenteil des Übertonten zutrifft.
Eingebracht hat uns diesen sprachlichen Unsinn natürlich die aus den USA importierte political correctness, also das Übertünchen realer Mißstände durch Formulierungen, die vortäuschen, diese Mißstände seien erfolgreich und dauerhaft beseitigt worden. Die Folge: Jedes politische und soziale Unrecht wird akzeptabel, sobald man einen schönen Namen dafür gefunden, es weggeredet hat. So ist auch das „-in“ ein Werkzeug der politischen Demagogie und keineswegs ein Spiegel der Lebenswirklichkeit. Daß die Politik und nicht die Realtiät Quelle der Zwangsverweiblichung ist, wird schon dadurch belegt, daß eine Politikerin, nämlich die Bundestagspräsidentin, sie zu ihrem bisherigen Höhepunkt geführt hat: dem blödsinnigen großen „I“ inmitten eines geschriebenen Wortes. (Diese Schreibweise findet noch nicht einmal der Duden in Ordnung, und das will nun wirklich viel heißen.)
Um sprachlichen Unsinn handelt es sich hier zweifellos, da Genus mit Sexus gleichgesetzt wird, also das grammatikalische Geschlecht mit dem natürlichen. Ein grammatikalisches Geschlecht hat jedes Substantiv; das natürliche ist hingegen auf fortpflanzungsfähige Pflanzen und Tiere beschränkt – nur sie brauchen es. Es besteht also keinerlei Zusammenhang zwischen Genus und Sexus. Der Tisch ist ein maskulines Substantiv, zu einem männlichen Wesen macht ihn das noch lange nicht. Umgekehrt ist das Kind zwar ein grammatikalisches Neutrum, dennoch aber keineswegs ein unbelebtes Ding. Und ob ich nun der, die oder das Frau, Frau oder Frauin sage, wirkt sich nicht im mindesten auf die Weiblichkeit oder Nicht-Weiblichkeit der Frau aus.
Wären die „in“-Demagogen konsequent, so müßten sie alles, was kein natürliches Geschlecht hat, als grammatikalisches Neutrum behandeln: das Tisch, das Sonne, das Fuß, das Brust. Und alle fortpflanzungsfähigen Wesen müßten sie zu grammatikalischen Maskulina bzw. Feminina machen: der Kind und die Kind, der Mensch und die Mensch, der Frosch und die Frosch. Ich bitte um Verzeihung, nun habe ich doch das für die Weiblichkeit ausschlaggebende „-in“ vergessen: der Lärch und die Lärchin, der Löwenzahn und die Löwenzähnin, der Hahnenfuß und die Hahnenfüßin, der Barsch und die Barschin.
Eine weitere Forderung derjenigen, die Genus mit Sexus verwechseln, lautet, man solle keine Kollektiva (Sammelsubstantive) verwenden, die von einem maskulinen Substantiv abgeleitet sind. So ist es zum Beispiel nicht politically correct, kollektiv von „den Studenten“ zu sprechen, da dies angeblich alle Studentinnen diskrimiert. Stattdessen muß man nun das Partizip „studierend“ substantivieren: die Studierenden. Das kann sowohl der Plural von „der Studierende“ als auch der Plural von „die Studierende“ sein und ist somit akzeptabel. Nun denn. „Die Menschen“ ist der Plural von „der Mensch“ und somit unzulässig. Die Menschlichen? Die Menschelnden? „Die Bäume“ diskrimiert alle Bäuminnen, muß also auch gelöscht werden. Die Baumelnden? Die Bäumenden? Die Insektenden? Die Grasenden? Wie Sie sehen, geraten wir hier in Konflikt mit bestehenden Wortbedeutungen, die, um Mißverständnissezu vermeiden, abgeschafft werden müßten. Doch auch das ist im Sinne der political correctness, denn wenn die Menschen erst durch die Menschlichen ersetzt wurden, ist das Fehlen jeglicher Menschlickeit wunderschön aus der Welt geredet!
Wohin uns die sprachvergewaltigenden Demagogen führen, können Sie bei George Orwell und anderen Antiutopisten nachlesen.