Sicher haben Sie, wenn Politiker oder Journalisten jemanden eines Fehlverhaltens beschuldigten, schon des öfteren spontan mit „Er ist aber nicht der einzige, der das macht!“ reagiert. Wir alle kennen das: Sobald erkennbar wird, daß ein bestimmtes Denken oder Verhalten nicht akzeptiert wird, wird es mit Äußerungen heftigster Entrüstung einem einzelnen in die Schuhe geschoben, um darüber hinwegzutäuschen, daß es eben gerade kein Einzelfall war. Ich halte das für sehr gefährlich. Wenn eine Krankheit massenhaft auftritt, muß sie auch in ihrem vollen Ausmaß erkannt, ihre Ursachen müssen ermittelt und bekämpft werden. Ansonsten wird sie sich stillschweigend weiter ausbreiten, letztlich als „normal“ anerkannt werden.
Ein Beispiel aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Die Nationalsozialisten betrieben aktiv die Arisierung der Gesellschaft, indem sie Partnerwahl und Fortpflanzung blütenreiner Arier idealisierten und die Zwangssterilisation von nicht als fortpflanzungstauglich erachteten
Menschen einführten (vom Massenmord an Nichtariern und Behinderten abgesehen, der hier aber nicht das Thema ist). Heute wird dieses unheilvolle Treiben allgemein Hitler zugeschrieben, woraus folgt, daß erstens nur die Nationalsozialisten so gedacht und gehandelt haben, und zweitens mit dem Ende der Hitler-Herrschaft auch dieses
„Fehlverhalten“ endgültig beendet war.
Die Wissenschaftsgeschichte zeichnet ein anderes Bild, wenn sie dieses Bild auch gerne vor der Öffentlichkeit verbirgt. Denn dieses sozialdarwinistische Denken („survival of the fittest“) war in den 30er Jahren in der ganzen westlichen Welt gang und gäbe. In allen europäischen Ländern und den USA gab es Verbände, die wünschenswerte Eheschließungen förderten und nichtwünschenswerte zu verhindern trachteten. Die gesamte sich selbst fälschlicherweise als zivilisiert bezeichnende Welt war der Ansicht, es gebe Menschen, die zur Fortpflanzung geeignet seien, und solche, bei denen eine Fortpflanzung nach Möglichkeit verhindert werden müsse, wobei auch Zwangsmaßnahmen legitim seien. Und es blieb keineswegs beim Denken. In allen europäischen Ländern und den USA experimentierten Wissenschaftler mit der Zwangssterilisation geistig oder körperlich behinderter Menschen und benutzten Behinderte als Versuchskaninchen für ihre Forschungen.
Niemand hat sich daran gestört. Niemand hat es als menschenverachtendes Verbrechen bezeichnet. Kein englischer oder amerikanischer Wissenschaftler ist 1945, als die deutschen Wissenschaftler vor Gericht standen, vorgetreten und hat gesagt: „Wir haben das auch gemacht.“ Ebenso wie keiner derjenigen, die alle Deutschen kollektiv verurteil(t)en, jemals den alltäglichen Antisemitismus im eigenen Land erwähnt(e).
Sie meinen, das sei ja nun Geschichte und lange her? Stimmt. Aber Geschichte, die geleugnet wird, kann auch nicht verarbeitet* werden. Die Wissenschaft, die ihre Schuld vergißt, braucht auch keine Konsequenzen aus dieser Schuld zu ziehen. Der Sozialdarwinismus ist seiner Natur nach menschenverachtend, und er ist Teil der kulturellen Geschichte aller westlichen Länder. Diejenigen, die diese Tatsachen leugnen und sich mit einem kindischen „das war ich nicht“ aus der Affäre zogen, sind dafür verantwortlich, daß das zugrundeliegende menschenverachtende Denken ungestört weiter wuchern konnte.
* Das neudeutsche Wort „aufarbeiten“ ist mir höchst zuwider. Denn wer etwas auf-arbeitet, möchte es letztlich als erledigt zu den Akten legen und so weitermachen wie zuvor. Wer etwas ver-arbeitet, möchte es in sein Denken und Verstehen integrieren und daran wachsen.