Sie freuen sich auf einen Abend im Theater mit Ihrem Lieblingsdramatiker, und was bekommen Sie zu sehen? Eine fast leere Bühne, spärliche, obskur-symbolische Requisiten, Schauspieler in Jeans und schwarzem Pullover, grelles, kaltes Licht... Die Handlung ist kaum wiederzuerkennen, da die „Botschaft“ des Autors durch die des Regisseurs ersetzt wurde...
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn ich ins Theater gehe, möchte ich das Stück sehen, das der Autor geschrieben hat, und nicht das, das der Regisseur gerne schreiben würde, wenn er es denn könnte.
Mit Grauen denke ich zum Beispiel an eine schon einige Jahre zurückliegende Aufführung der Drei Schwestern. Von Tschechows Technik und Intention war nichts übriggeblieben. Sein tiefsinniges Drama wurde in ein plumpes Melodram umgemodelt. Der Regisseur hatte es offenbar für überflüssig gehalten, sich vor der Umsetzung des Dramas zumindest ein klein wenig mit Tschechows Dramentheorie zu befassen, sonst hätte ihm auffallen müssen, daß er das Stück nicht verstanden hat.
Dasselbe gilt für viele andere Auführungen von Klassikern, deren zeitlose Gültigkeit sich jedem aufmerksamen Leser/Zuschauer aus dem Text erschließt und keiner zwanghaften Modernisierung oder "Neuinterpretation" bedarf.