Deutsche Politiker fordern gerne, die deutschen Hochschulen müßten ihre Studenten berufsbezogen, praxisorientiert ausbilden. Womit sie wieder einmal, wie so häufig, in wenigen Worten beweisen, daß sie nicht wissen, wovon sie sprechen.
„Die“ deutschen Hochschulen gibt es nicht, denn das deutsche Hochschulsystem ist zweigeteilt in
1. wissenschaftliche Hochschulen (= Universitäten) und
2. Fachhochschulen.
Bereits die Namen machen die Aufgabenverteilung unmißverständlich klar:
1. Die wissenschaftlichen Hochschulen bilden den wissenschaftlichen Nachwuchs aus; ihre Aufgabe ist die Wissenschaft.
2. Die Fachhochschulen bilden den beruflichen Nachwuchs aus; ihre Aufgabe ist die fachliche Ausbildung für bestimmte Berufe.
Aus diesem Grund ist das Abitur, also die Allgemeine Hochschulreife, traditionell auch nur Voraussetzung für ein wissenschaftliches (Universitäts-) Studium, während es für ein berufsbezogenes (Fachhochschul-) Studium naturgemäß nicht erforderlich ist.
Ursprünglich gab es eine einzige Ausnahme von dieser Zweiteilung, nämlich die Lehrerausbildung, die (leider) den Hochschulen übertragen wurde. Etwas später kam die Betriebswirtschaftslehre hinzu, die ihrem Wesen nach eine reine Berufsausbildung ist und mit einer Wissenschaft nicht das geringste gemein, an der Universität daher auch nichts zu suchen hat.
Diese Zweiteilung hat nichts mit Qualität zu tun. Die Erfinder dieses System waren lediglich intelligent genug, zu erkennen, daß Wissenschaft und Beruf zwei grundlegend verschiedene Ausbildungswege erfordern, daß an Wissenschaft und an praktischem Beruf interessierte Studenten grundsätzlich verschiedene Bedürfnisse haben. Den heutigen Politikern geht diese Intelligenz entweder ab oder ihre Bestrebungen gehen tatsächlich dahin, die Wissenschaft, insbesondere die unbequemen, weil kritischen, Geisteswissenschaften ganz abzuschaffen.
Politiker, die eine größere Praxisnähe der Universitäten verlangen, sind mit dem deutschen Hochschulsystem offenbar nicht vertraut.
Politiker, die eine Orientierung an den Universitäten des angloamerikanischen Raumes fordern, wissen offenbar nicht, daß sich deren Bildungssystem grundsätzlich vom deutschen unterscheidet. Sie wissen offenbar nicht, daß in den USA und England heutzutage schon Schüler als „students“ bezeichnet werden, was hinlänglich verdeutlicht, welches Studium die Universitäten dieser Länder bieten – eine Verlängerung der Schulzeit. Mit unserem wissenschaftlichen Universitätsstudium hat das nicht das geringste zu tun.
Politiker, die nicht wissen, wovon sie sprechen, sollten den Mund halten. Sie machen sich lächerlich.
Wer eine Berufsausbildung bekommen möchte, hat an der Universität nichts zu suchen.
Wer an die Hand genommen und Schritt für Schritt durch seine Ausbildung geführt werden möchte, hat an der Universität nichts zu suchen.
Wer zu Eigenverantwortlichkeit nicht willig oder fähig ist, hat an der Universität nichts zu suchen.
Wer nur liest, was er lesen muß, hat an der Universität nichts zu suchen.
Wem nichts daran liegt, seinen Horizont (im Gegensatz zum bloßen Fachwissen) ständig zu erweitern, hat an der Universität nichts zu suchen.
Wer Auswendiglernen für Lernen hält, hat an der Universität nichts zu suchen.
Wer Auswendiggelerntes für Wissen hält, hat an der Universität nichts zu suchen.
Wer einen (Aus-) Bildungsabschluß mit Bildung verwechselt, hat an der Universität nichts zu suchen.
Wer die Praxis der Theorie vorzieht, hat an der Universität nichts zu suchen.
Wer nicht gerne wissenschaftliche Arbeiten schreibt, hat an der Universität nichts zu suchen.
Wer ein Fach nicht um seines Gegenstandes willen wählt, hat an der Universität nichts zu suchen.
Wer die Dinge nicht gerne bis zu ihrem Anfangspunkt zurückdenkt, hat an der Universität nichts zu suchen.
Wer ein Studium nur wegen des Abschlusses aufnimmt, hat an der Universität nichts zu suchen.
Wer an der Universität studiert, obwohl er an einem wissenschaftlichen Studium nicht interessiert ist, verschwendet nicht nur seine eigene Zeit und sein eigenes Geld, sondern er verringert die Qualität des Studiums für diejenigen, die tatsächlich daran interessiert sind.
Wer das nicht glaubt, braucht sich nur anzusehen, wie es „dank“ der ewig meckernden, ewig unzufriedenen, an nichts interessierten Pseudostudenten an den heutigen Universitäten aussieht. Er braucht sich nur anzusehen, wie verblüfft die Lehrenden sind, wenn sie hin und wieder tatsächlich auf einen echten Studenten stoßen, der diesen Namen auch verdient ...