Darüber, daß Egoismus eine negative Eigenschaft ist, herrscht Einigkeit – außer natürlich bei den Egoisten selbst. Der Egoismus kann in vielerlei Masken auftreten, sich aber letztlich nie für etwas anderes ausgeben, als er ist. Wer ausschließlich den eigenen Vorteil zum Motiv seiner Handlungen macht, kann dies nicht auf Dauer vor seiner Umwelt verbergen und wird – außer bei seinesgleichen – immer auf Ablehnung stoßen.
Schwieriger ist es mit der Egozentrik.
Definitionen der Egozentrik lauten meist etwa so: „Der Egozentriker stellt bei seinem Denken und Handeln das eigene Ich in den Mittelpunkt und läßt nur sein eigenes Denken und Handeln als richtig und berechtigt gelten.“ Das stimmt – und gleichzeitig stimmt es nicht. Denn diese Definition erweckt den Anschein einer bewußten Ausrichtung auf das eigene Ich, was auf Egozentriker in aller Regel jedoch nicht zutrifft. Sie verschließen nicht bewußt die Augen gegen den Rest der Welt, sondern sehen ihn ganz einfach nicht.
Die Identität eines Menschen beruht auf der Verschiedenheit und Unterscheidbarkeit der Menschen. Um eine ureigene Identität entwickelt zu können, muß man demnach zuerst einmal diese Verschiedenheit also solche wahrnehmen. Anders ausgedrückt: Das Bewußtsein, er selbst zu sein, kann ein Mensch nur entwickeln, wenn er die Vielfalt der Seinsmöglichkeiten wahrnimmt und sich selbst in Beziehung zu ihnen setzt, sein eigenes Ich relativ zu allen anderen Ichs findet.
Eben diese Verschiedenheit der Individuen, die Relation zwischen Ich und Nicht-Ich bleibt dem Egozentriker verschlossen. Die ganze Welt des Egozentrikers ist ein einziger Spiegel; wohin er auch blickt, er sieht immer nur sich selbst. Und das Tragische daran ist, daß er dieses Spiegelspiel nicht durchschauen kann. Er meint, andere Menschen zu sehen, und merkt nicht, daß er nur sich selbst in sie hineinprojeziert. So drängt er einem anderen zum Beispiel Unterstützung auf, weil dessen Verhalten bei ihm selbst Unterstützungsbedarf signalisieren würde. Oder er läßt einen anderen Menschen umgekehrt in Ruhe, weil dessen Verhalten bei ihm selbst den Wunsch signalisieren würde, in Ruhe gelassen zu werden. Er geht davon aus, daß alle Menschen dieselben Bedürfnisse haben wie er. Worte und Verhalten anderer kann er nur so deuten, wie sie bei ihm selbst gemeint wären. Was in seiner Gedanken- und Gefühlswelt nicht vorkommt, gibt es nicht. Ideen, die nicht aus seiner Welt erwachsen, sind lächerlich und falsch – falls er sie überhaupt zur Kenntnis nimmt.
Grund hierfür ist nicht Rücksichtslosigkeit, nicht Egoismus, sondern die Unfähigkeit des Egozentrikers, den anderen Menschen als vom eigenen Ich völlig losgelösten, eigenständigen, individuellen Menschen zu sehen und zu begreifen. Eine Folge davon ist naturgemäß die Unfähigkeit, sich selbst als eigenständiges Individuum zu begreifen, eine eigene Identität zu entwickeln. Eine andere Folge besteht darin, daß alle Arten von Beziehungen fast zwangsläufig scheitern.
Das Denken und Handeln von Egozentrikern ist für andere nicht nur verletzend und verärgernd, sondern auf Dauer auch höchst frustrierend, da man praktisch nichts daran ändern kann (Psychotherapien neigen bekanntlich dazu, den Blick des Patienten vollständig auf sich selbst zu konzentrieren, was ein Egozentriker sicher nicht nötig hat).
Einem Blinden kann man nicht beibringen, zu sehen, und wenn man es noch so sehr möchte ...