„Freiheit“ ist ein schönes Wort. Es transportiert erfreuliche Emotionen und ein gewisses Pathos, dem sich keiner leicht entziehen kann. Wird es als Argument gebraucht, so wagt sich niemand zu widersetzen, möchte er nicht als restriktiv, wenn nicht gar als unmenschlich gelten. Der größte Vorteil des Wortes „Freiheit“ liegt aber sicher darin, daß es so herrlich schwammig ist. Da es emotional aufgeladen ist, können sich seine Benutzer vor einer Definition zu drücken. Da niemand das Konzept abzulehnen wagt, wagt auch niemand, den Begriff zu hinterfragen. Kein Wort ist besser geeignet, unliebsame Gegner mundtot zu machen. Es eignet sich hervorragend dafür, auch die übelsten Machenschaften zu legitimieren. „Freiheit“ ist eines der am meisten strapazierten Wörter der letzten Jahrzehnte. Es ist das Wort, das am übelsten mißbraucht wurde.
Wer das Wort „Freiheit“ in eine Diskussion wirft – vielmehr eine Diskussion mit dem Wort „Freiheit“ mit einem verbalen Nuklearschlag zu beenden versucht –, verläßt sich darauf, daß die Emotionen seiner Zuhörer nur in eine Richtung gehen, nämlich „Freiheit wovon?“. Nicht minder wichtig, aber notorisch ignoriert, ist jedoch die andere Richtung: „Freiheit wozu?“ – ganz abgesehen von der grundlegenden Frage, die man immer stellen sollte, wenn man dieses Wort hört: „Was meint der Sprecher mit Freiheit und warum fordert er sie?“.
„Freiheit“ ist ein Wort, das mittlerweile so sehr zur inhaltslosen Worthülse degeneriert ist, daß es nur noch die Emotionen anspricht. Es wird höchste Zeit, den Verstand einzuschalten.
„Freiheit“ ist eines jener Worte, die sowohl belegen, daß die menschliche Sprache als soziales Instrument entstanden ist, also aus dem Bedarf der Menschen, miteinander in Beziehung zu treten und diese Beziehungen zu regeln und zu definieren, als auch, daß den heutigen Menschen der Sozialbezug ihrer Sprache völlig verlorengegangen ist. Demzufolge ist es heute gang und gäbe, Wörter mit Sozialbezug ihres Sinns zu berauben, diesen Sinn zu entstellen oder in sein Gegenteil zu verkehren.
Das germanische Adjektiv „frei“ ist aus der indogermanischen Wurzel „prâi“ entstanden, die „schützen“, „schonen“, „gern haben“ und „lieben“ bedeutet. „Frei“ ist ein Begriff der germanischen Rechtsordnung und bezeichnet einen „zu den Lieben gehörenden“ und damit „geschützten“ Menschen. Ein „freier“ Mensch ist also ein Angehöriger der eigenen Stammesgemeinschaft, in der alle gleich- und vollberechtigt sind. In diesem Sinne wurde das Wort auch bis in die Neuzeit gebraucht. Alle „Freiheitsbewegungen“ richteten sich dagegen, daß nicht alle Menschen innerhalb einer sozialen Gemeinschaft vollberechtigt waren, daß die einen für sich Rechte beanspruchten, die sie den anderen verweigerten, und diese anderen damit ihrer „Freiheit“, also ihrer Gleich- und Vollberechtigung, beraubten. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff „frei“ von der Philosophie erweitert zu „pflichtfrei“, „unabhängig“, aber immer im Gesamtzusammenhang eines Sozialsystems. „Pflichtfrei“ bedeutete nicht die Loslösung von jeder Verantwortung für andere, sondern die Lösung aus Pflichten gegenüber denjenigen, die das Gesetz der Gleichberechtigung aller verletzen. „Frei“ in diesem Sinne ist untrennbar mit der Auflösung des feudalen Staatssystems verbunden.
Völlig mißverstanden wurde der Begriff „frei“ vom neu entstandenen Bürgertum des 19. Jahrhunderts, das weder soziale noch kulturelle Traditionen hatte. Entstanden ist dieses Bürgertum durch wirtschaftlichen Erfolg, den es nur erzielen konnte, weil es alle sozialen Bindungen leugnete. Ein funktionierendes Sozialsystem mit „freien“ Menschen wird dadurch getragen, daß Rechte und Pflichten untrennbar miteinander verbunden sind – ansonsten sind seine Angehörigen nicht „frei“, nicht gleichberechtigt. Das neue Bürgertum hingegen nahm für sich ausschließlich Rechte in Anspruch, verweigerte jedoch alle Pflichten. Diese Bürger nannten ihr Leitprinzip „Liberalismus“, also „Freiheitlichkeit“ und verkehrten damit den Sinn dieses Wortes in sein Gegenteil. Sie meinten keineswegs die Gleichstellung und Vollberechtigung aller Menschen, sondern im Gegenteil „Ich darf alles, niemand darf mir Grenzen setzen, und wenn andere wegen meiner Geld- und Machtgier verrecken, ist das deren Problem, nicht meines“.
Der größte Teil der sozialen Bemühungen und Auseinandersetzungen des
„Frei“ war immer ein Begriff, durch den sich soziale Gemeinschaften als Gemeinschaften von Menschen definiert haben, in denen alle den Schutz der anderen und der Gemeinschaft genießen, in denen alle dieselben Rechte und Pflichten genießen, in denen alle denselben Gesetzen unterworfen sind. Das seinem Wesen nach asoziale Bürgertum des 19. Jahrhunderts hat diese Bedeutung des Begriffs vorübergehend in ihr Gegenteil verkehrt. Schröders Inkreis ist zu dieser Begriffsperversion zurückgekehrt. Allerdings sollten diejenigen, die das Wort „Freiheit“ im Sinne skrupelloser Willkür mißbrauchen, bedenken, daß ihr großes Vorbild, der „Liberalismus“ des 19. Jahrhunderts, also der Mißbrauch der Mehrheit durch die Minderheit, unmittelbar zu blutigen Revolutionen und weltweiten Kriegen geführt hat. Wenn sie nicht ebenfalls eine solche Schuld auf sich laden wollen, sollten sie aufhören, den emotionalen Aspekt des Wortes „Freiheit“ zu mißbrauchen, stattdessen den Verstand gebrauchen und ansprechen (das wäre nun wirklich ein Novum, eine echte Errungenschaft, mit der sie als positive Identifikationsfiguren in die Geschichte eingehen könnten), und das Wort „Freiheit“ nicht verwenden, ohne es zu definieren.