Tacheles

Eltern, Kinder.. oder Individuen?

She said, 'What are you, exactly? What do I call you? A scrubber? A slag? A common tart?'
   The words didn't wound. They didn't even touch. Nicola sat down the razor and gazed at her. 'I'm Nicola,' she said. 'The daughter who loves you very much, Mummy.'
   'Don't say that. If you loved me, you wouldn't be –'
   'Mum, I made a decision to do this. Eyes wide open and knowing all the facts. I didn't make the decision to hurt you. I made it because I wanted him. And when this ends – because all things do – how I'll feel is my responsibility. If I'm hurt, I'm hurt. If I'm not, I'm not. I'm sorry you found out about it because it's obviously upset you. But I'd like you to know that we did try to be discreet.'
   The voice of reason, her lovely daughter. Nicola was who Nicola was. She called aces as she saw them and spades the same. [...]
   She'd given the effort of motherhood everything she possessed and she'd failed entirely, teaching her daughter nothing of substance. Nicola was who Nicola was.
   Nan was only grateful that her own mother had died during Nicola's childhood. She would never have to see how Nan had failed where her female forebears had known nothing but success. Nan herself was the embodiment of her mother's values. [...]
   Nan had moulded herself in her own mother's image, and her reward had been a cool, unspoken but nonetheless treasured approval communicated by a single nod of the regal head. She'd lived for that nod. It said 'Children learn from their parents, and you have learned to perfection, Nancy.'
   Parents gave their children's world both order and meaning. Children learned who they were – and how to be – at their parents' knees. So what had Nicola seen in her parents that resulted in who and what she had become?

(Elizabeth George, In Pursuit of the Proper Sinner)

„Nicola ist, wer Nicola ist“. Könnte man deutlicher ausdrücken, daß Nicolas Mutter die Aufgabe der Mutter in jeder Hinsicht mit Bravour gemeistert hat? Nicola ist ein eigenständiger Mensch, der weiß, was er ist – sie ist nicht jemandes Tochter, jemandes Frau, jemandes Mutter, jemandes Verlängerung, jemandes Abklatsch. Sie ist sie selbst.

Von Nicolas Mutter läßt sich leider nicht dasselbe sagen. Sie war immer nur irgendjemandes irgendetwas, hat es nie geschafft, ein Mensch zu werden. Und nichts hätte ihr größere Freude bereitet, als mitzuerleben, daß auch ihre Tochter nichts weiter zustande bringt, als eine Verlängerung der Mutter zu werden. Sie bejammert, daß sie Nicola nie verstanden hat. Aber wie sollte sie? Nur Menschen können Menschen verstehen. Wer sich – noch dazu willig – in eine Rolle zwängen läßt, diese Rolle zur Welt erklärt und die Welt außerhalb der Rolle ignoriert, leugnet oder sich so zurechtlügt, daß sie in die Rolle paßt, kann einen Menschen, der diese Rolle als Rolle erkennt und sie nicht zu spielen bereit ist, natürlich nicht verstehen. Ein Lebewesen, das im Käfig geboren wird, aufwächst und alt wird, hat keine Möglichkeit, ein in Freiheit lebendes Lebewesen zu begreifen.

Nicolas Mutter wertet Nicolas Eigenständigkeit als Versagen von Mutter und Tochter; daß Nicola sie selbst ist, ist „nothing of substance“; daß Nicola ihren eigenen Weg geht, ist für die Mutter ein Beweis dafür, daß die Tochter sie nicht liebt. Sie sagt zwar selbst, daß Kinder unter dem Einfluß der Eltern lernen, wer sie selbst sind, doch genau das möchte sie nicht, denn Nicola soll nicht sie selbst sein, sondern das Ebenbild der Mutter, und sie soll nicht ihr eigenes Leben leben, sondern das der Mutter. Denn nur so kann sich die Mutter weiterhin der Illusion hingeben, ihre Rolle sei die Welt. Nur das Festklammern an der Rolle, das Leugnen aller Alternativen kann verhindern, daß die Mutter ihr eigenes Leben hinterfragen und seinen Kontext ergründen muß.

Nicolas Mutter ist eben nur das: jemandes Tochter, jemandes Ehefrau, jemandes Mutter. Sie selbst ist nichts. Sie selbst gibt es überhaupt nicht. Und so verwechselt sie zwangsläufig Scheitern und Erfolg. Sie glaubt, als Mutter versagt zu haben. Tatsächlich aber ist sie – sich selbst zum Trotz – als Mutter ein voller Erfolg, als Mensch hingegen erbärmlich gescheitert.