Er hatte das Bedürfnis, dem alten Schuldfreund irgendwie Trost zu spenden, seine Scham darüber, sich so entblößt zu sehen, zu mindern. Er sagte: „Emilia liebt dich.“
Corntel schüttelte den Kopf. „Sie liebt das Bild von John Corntel, das sie sich geschaffen hat. Den wahren Menschen kennt sie nicht einmal.“
(Elizabeth George, Auf Ehre und Gewissen. Goldmann 1990. Übrigens eine ganz schauderhaft schlechte Übersetzung.)
Und das ist nicht Liebe und nicht Freundschaft. Es ist so ziemlich der schlimmste Verrat, den ein Mensch einem anderen in einer persönlichen Beziehung antun kann: ihn nicht als das zu sehen, was er wirklich ist oder ihn zu etwas anderem machen zu wollen.
Leider ist das nicht die Ausnahme, sondern die Regel. „Liebe macht blind“, heißt es im Sprichwort. Aber ist es nicht vielmehr umgekehrt? Die Menschen (besonders die Männer) machen sich das Bild vom anderen, das sie sehen möchten, und in dieses Bild verlieben sie sich dann. Und wenn das Traumbild dann noch nicht perfekt ist, muß sich das Objekt der Lieben eben ändern. Zu seinem eigenen besten natürlich, denn der Liebende weiß es besser.
Faszinierend ist auch daran wieder einmal die schrankenlose Befähigung und Bereitschaft des Menschen zum Selbstbetrug.
Wahrscheinlich habe ich mich deshalb noch nie verliebt. Selbstbetrug liegt mir nicht, auch wenn er als „Magie“ oder „Zauber“ oder ähnliches daherkommt. Und wahrscheinlich habe ich deshalb Liebende noch nie ernstnehmen können. Ich hasse es, wenn man in mir etwas sieht, was ich nicht bin. Verachte mich lieber für meine tatsächlich vorhandenen Schwächen, als mich für nur eingebildete Stärken zu lieben.