Tacheles

Männer, Frauen, Interessen

Ein Phänomen in Mann-Frau-Beziehungen, das so häufig zu beobachten ist (und über das so viel geschrieben wurde), daß es schon fast als allgemeingültig betrachtet werden kann und Ausnahmen auf große Verwunderung stoßen:
Männer erwarten ganz selbstverständlich, daß eine Frau, sobald sie sie zu ihrer (Betonung auf dem Possessivpronomen) Frau gemacht haben, ihre Interessen teilt, wenn sie auch nie recht glauben, daß die Frau es dabei zu demselben Wissen und Können bringen kann wie sie selbst. Gleichzeitig übergehen sie die Interessen der Frau bestenfalls mit Gleichgültigkeit, häufig bedenken sie sie mit herablassendem Spott. Offenbar gehen sie selbstverständlich davon aus, daß Wissen und Können auf Gebieten, die sie selbst nicht durch ihr Interesse beehren, nichts wert sein kann.

Umgekehrt ist es Frauen selbstverständlich, sich mit den Dingen zu befassen, die ihren Mann interessieren, und als genauso selbstverständlich nehmen sie es hin, daß dieser ihre Interessen für nicht der Mühe wert hält. Um dem Mann näher zu sein, ihn besser zu verstehen, hören sie sich stundenlange Vorträge über das faszinierende Phänomen „Abseits“ an, beschäftigen sich intensiv mit den Innereien eines Computers oder beginnen auf einmal, sich auf Wald- und Wiesentouren die Füße wundzulaufen, während es dem Mann nicht einmal im Traum einfällt, sich ihretwegen mit Philosophie oder Geschichte zu befassen oder ein Museum zu besuchen.

Wie man dabei eine echte Beziehung haben kann, ist mir ein Rätsel. Ob ich mich überhaupt für etwas interessiere, wofür ich mich interessiere, warum ich mich dafür interessiere, wie ich mit diesen Interessen umgehe, ist nicht von mir als Person zu trennen. Es entspringt meinem innersten Ich und bestimmt umgekehrt, ob und wie ich als Mensch wachse. Natürlich werden sich zwei eigenständige Menschen nie im gleichen Maße und mit denselben Beweggründen für dieselben Dinge interessieren. Doch wem meine Interessensgebiete gleichgültig sind, dem bin ich gleichgültig; wer das verächtlich abtut, was für mich wichtig ist, der tut mich verächtlich ab. Wie sollte ich mit einem solchen Menschen eine lebendige und gegenseitige Beziehung haben? Und wenn sie nicht lebendig und gegenseitig ist, wie kann sie dann eine Beziehung sein? Mit einem solchen Mann würde ich mich als Fußabtreter fühlen, aber ganz sicher nicht als Partner.